In der Aula der Uni Zürich versammelt sich die Classe politique und wagt sich in neue Gefilde. Ein Ständerat schielt schon gen Hollywood.
Benjamin Rosch

Nie hat irgendwer das Wesen der Demokratie so auf den Punkt gebracht wie Winston Churchill 1947. Vor dem House of Commons sagte der britische Premier im Nachhall des Zweiten Weltkriegs: «Niemand behauptet, dass die Demokratie vollkommen oder allweise ist. Tatsächlich wurde gesagt, dass die Demokratie die schlechteste aller Regierungsformen ist – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert wurden.»
Das Leiden an und mit der Demokratie wird nun zum Debattenstoff für die geballte Politprominenz. Und zwar für einmal nicht in einem Parlamentsgebäude oder einem TV-Studio, sondern auf einer Theaterbühne. In der Aula der Uni Zürich treten bald auf, um nur einige zu nennen: alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, Schwedens ehemaliger Ministerpräsident Stefan Löfven, Economiesuisse-Chefin Monika Rühl, Ständerat Daniel Jositsch und der ehemalige OSZE-Generalsekretär Thomas Greminger. Sie alle gehören zur Besetzung des Stücks «Die Allianz der letzten Demokratien».
Das Publikum entscheidet mit
Dieses spielt in einem fiktiven, wenn auch nicht völlig unrealistischen Szenario im Sommer 2027, also genau in einem Jahr. Die USA unter Donald Trump haben sich mittlerweile aus der Nato verabschiedet, in Frankreich regiert der rechtsextreme Rassemblement National und in Deutschland greift die AfD nach der Macht. Der grösste Umsturz geschieht aber in der Schweiz: Weil Parlament und Volk zunehmend unzufrieden sind mit dem Bundesrat, hat eine per Los bestimmte Delegation das letzte Wort bei internationalen Verhandlungen.
Das ist natürlich ein dramaturgischer Kniff: Die Delegation ist in diesem Fall das Publikum, das in die Handlung miteinbezogen wird. «Die Grenzen zwischen Inszenierung und Realität sollen sich auflösen», sagt der künstlerische Leiter Eneas Prawdzic vom Proberaum Zukunft.
Einfach ist die Aufgabe nicht: Der Saal muss entscheiden, ob die Schweiz ein Stück ihrer Freiheit aufgibt. An jenem Abend wollen sich die letzten 44 verbliebenen Demokratien der Welt zu einer neuen Allianz zusammenschliessen – und die Schweiz muss sich festlegen, ob sie sich beteiligt. Jeder und jede im Publikum hält deshalb ein Abstimmungsbüchlein in den Händen.
«Das Thema ist brandaktuell»
Ein «Pre-Enactment», nennt Prawdzic diese Spielanlage: «Wir wollen ein potenzielles zukünftiges Ereignis in der Gegenwart proben.» Die Zuschauer sollen sich dabei fühlen, als würden sie an einer internationalen Konferenz teilnehmen. Ein Skript gibt es dafür nicht; alle Personen im Raum reden frei. Begleitet werden sie dabei von verschiedenen Professoren der Uni Zürich.
Alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey bereitet sich dennoch intensiv vor auf den Wechsel vom politischen Parkett auf die Bretter, welche die Welt bedeuten. Wie, möchte sie nicht verraten, «aber ich freue mich sehr darauf. Das Thema der bedrohten Demokratie ist brandaktuell.» Lampenfieber habe sie indes keines.
Tatsächlich dürfte Prawdzic sein Ensemble auch damit gewonnen haben, dass die Schweiz real mit ähnlichen Fragen konfrontiert ist wie in der Aula der Uni Zürich. Es braucht zumindest nicht viel Fantasie, um die «Allianz der letzten Demokratien» als Paraphrase auf die EU-Diskussionen und die Neutralitätsdebatte zu deuten.
Drei von vier Abenden sind ausverkauft
«Ich liebäugle schon lange mit einer Zeitkarriere in Hollywood», scherzt SVP-Ständerat Hannes Germann. Er habe in jungen Jahren viel Bühnenerfahrung sammeln können – in Laientheatern schlüpfte er gerne in die Rolle des Liebhabers. Mit dem aktuellen Projekt habe er sich noch nicht eingehend befasst, «aber ich denke, das wird eher eine ernste Übung», sagt Germann.
Das Angebot stösst auf Interesse. Von den vier Abenden, an denen das Schauspiel im Rahmen des Zürcher Theaterspektakels stattfindet, sind bereits drei ausgebucht. Lediglich für die Derniere vom 22. August sind noch einige Tickets erhältlich.