Nach mehr als 25 Jahren im Ständerat tritt Hannes Germann 2027 nicht mehr an. Während er in Bern noch um Gesundheitsdossiers, Bankenregulierung und das EU-Paket kämpft, beginnt in Schaffhausen die Suche nach seiner Nachfolge. Andreas Gnädinger signalisiert Interesse.
Till Burgherr

SCHAFFHAUSEN. Hannes Germann hat am Montag noch anderes im Kopf als seinen Rücktritt. «Es gibt noch eine super intensive Session», sagt der Schaffhauser SVP-Ständerat gegenüber den SN. Gesundheitsthemen, für die er als Präsident der zuständigen Kommission verantwortlich ist, stehen an. Danach folgt die Bankengesetzgebung. Und am Ende wartet das grosse EU-Dossier. Das werde das Parlament «noch drei Tage Tag und Nacht» beschäftigen. «Es ist spannend und läuft noch etwas.»
Germann ist also noch ganz im politischen Alltag, obwohl seit Montag feststeht, dass dieser Alltag für ihn ein Ablaufdatum hat. Nach mehr als 25 Jahren im Ständerat tritt der 70-Jährige bei den Wahlen 2027 nicht mehr an. Seine siebte Amtszeit wird seine letzte sein.
«Ich schaue lieber nach vorne als nach hinten», sagt Germann. Zeit, zurückzublicken, werde später noch genug sein. «Jetzt wird noch gearbeitet, Wehmut verspüre ich bislang kaum, diese kommt aber sicher noch», sagt der Ständerat.
Ein Vierteljahrhundert im Stöckli
Germann wurde 2002 erstmals in den Ständerat gewählt. Seither hat er sieben Wahlen gewonnen und eine politische Karriere hingelegt, die in Schaffhausen ihresgleichen sucht. Er erlebte Entlastungsprogramme, Finanz- und Bankenkrise, Corona und die grossen europapolitischen Auseinandersetzungen.
Er erinnert sich an die Bankenkrise 2008 und Sitzungen bis halb drei Uhr morgens rund um die UBS. Die Entlastungsprogramme zu Beginn seiner Zeit im Ständerat seien schmerzhaft gewesen. Sie hätten aber dazu beigetragen, die Bundesfinanzen wieder auf Kurs zu bringen und sogar Reserven zu bilden. «Die 30 Milliarden konnten wir später in der Corona-Krise gut gebrauchen.»
Nach zwei Jahren als Delegierter des Bundesparlaments wurde Germann 2013/14 Ständeratspräsident. Es folgten Staatsbesuche und Begegnungen, die ihm besonders in Erinnerung geblieben sind. In China trat er als Parlamentspräsident auf, wurde als Staatsgast empfangen und war in Shanghai in jenem «State Guests Hotel» einquartiert, in dem zuvor auch US-Präsident Barack Obama residiert hatte. Besonders spannend seien die Gespräche mit den Stadtpräsidenten von Peking und Shanghai gewesen. «Ich habe schon damals gespürt, wo es hingeht mit China.»
2024 setzte ihn der «Influence Index» des Public-Affairs-Unternehmens Burson an die Spitze: Germann galt damit als einflussreichster Parlamentarier der Schweiz. Für ihn war das nochmals ein Höhepunkt seiner langen Karriere.
Man soll gehen, wenn es am schönsten ist, heisst es. «Darum habe ich mir gesagt, ich mache das Jahr zu Ende, gebe nochmals Vollgas und dann trete ich einen Schritt zurück.»
Wenn seine Amtszeit ausläuft, wird Germann 71 Jahre alt sein. Der SVP will er verbunden bleiben. «Meine politische DNA endet nicht am 30. November 2027.» Gleichzeitig sei es richtig, dass irgendwann die nächste Generation übernehme.
Gnädinger steht bereit
Wer diese nächste Generation verkörpern könnte, ist die grosse Frage. Die Partei hält sich offiziell bedeckt. Als grosser Favorit gilt Andreas Gnädinger. Der 50-jährige SVP-Politiker hat in der Vergangenheit nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihn der Wechsel ins Stöckli interessiert. Nun sagt er: «Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich mich bewerbe.»
Gnädinger bringt politische Erfahrung mit. 15 Jahre sitzt er im Kantonsrat, vier Jahre war er Gemeinderat in Siblingen. Politisch aktiv war er bereits bei der Jungen SVP. Und er sagt, nach wiederholtem Nachhaken: «Ich schätze mich so ein, dass ich von meiner Art her gut für den Ständerat geeignet wäre.» Das höre er auch von anderen Kolleginnen und Kollegen.
Sein Stil sei eher zurückhaltend. Sein politisches Motto: «Man muss mit allen reden, auch wenn man nicht mit allen einig ist in der Sache.» Inhaltlich sieht er sich auf bürgerlicher Linie. Den Zeitpunkt für eine offizielle Kandidatur sieht er allerdings noch nicht gekommen. «Es ist noch zu früh, um mehr zu kommunizieren.» Zunächst müsse der interne Fahrplan der Partei eingehalten werden. Über Germann spricht Gnädinger mit Respekt. «Hannes Germann hat während all den Jahren sehr gute Arbeit geleistet im Ständerat.»
SVP hält die Karten noch verdeckt
Parteipräsidentin Andrea Müller bestätigt, dass sie bereits vor Germanns öffentlicher Ankündigung informiert war. Damit beginnt sich das Kandidatenkarussell für seine Nachfolge zu drehen.
Die Ständeratswahl ist bekanntlich stärker eine Personenwahl als eine Parteiwahl. Gesucht werde jemand mit einem bürgerlichen Kurs, der die Interessen der gesamten Region vertreten könne, sagt Müller. «In der kleinen Kammer braucht es einen Diplomaten mit langem Atem.» Es brauche eine Person mit der Fähigkeit, auch über Parteigrenzen hinweg zu arbeiten.
Noch am Abend nach Germanns offizieller Rücktrittserklärung tagte der Kantonalvorstand der SVP. Wer sich bereits für die Kandidatur gemeldet hat, will Müller noch nicht bekannt geben. Durchblicken lässt die Parteipräsidentin allerdings: Eine Frau befindet sich nach aktuellem Stand nicht unter den gemeldeten Interessenten.
Entscheidung fällt Ende Oktober
Fest steht der Fahrplan: Am 19. Oktober geht in der Mehrzweckhalle Oberhallau die Nominationsversammlung über die Bühne. Dort stellen sich Gnädinger und weitere mögliche Kandidatinnen und Kandidaten den Delegierten vor. Diese entscheiden, wen die Schaffhauser SVP auf den Weg schickt.
Eine Personalie ist bereits vom Tisch: SVP-Nationalrat Thomas Hurter bleibt bei seiner bisherigen Position, die er bereits vor drei Wochen gegenüber den «Schaffhauser Nachrichten» kommuniziert hatte. Er will sich weiterhin auf die Arbeit in der grossen Kammer konzentrieren und dort wieder antreten. Ein Wechsel ins Stöckli komme für ihn zu spät.
Gleichzeitig würdigt Hurter die lange Amtszeit seines Parteikollegen. «Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass sich jemand so lange für die Bevölkerung in der Politik einsetzt», sagt der Schaffhauser. Dafür gebühre ihm Dank. «Hannes Germann hat der SVP eine gewisse Breite gegeben», sagt Hurter.
Auch Präsidentin Müller findet schon jetzt Worte des Dankes für den scheidenden Ständerat. «Die Zusammenarbeit mit Hannes Germann war immer sehr konstruktiv, er lebt für diesen Job.» Ende 2027 werde deshalb «eine Ära zu Ende gehen». Der Nachfolger, wer auch immer es ist, «tritt in grosse Stiefel», sagt Müller.
Germann selbst will sich mit solchen Vergleichen nicht beschäftigen. Er hat noch Arbeit vor sich. Und danach? «Man muss auch demütig sein, jeder ist ersetzbar.»